Erste Lesung aus dem Buch Jesus Sirach (27,30-28,7):
Evangelium nach Matthäus (18,21-35):
Wir können sehr empfindlich sein, uns schnell beleidigt fühlen, wenn wir uns ungerecht behandelt fühlen. Wie reagieren wir dann? Fange ich einen Streit an? Oder kehre ich dem anderen den Rücken zu und sage: „Mit dir will ich nichts mehr zu tun haben“? Also „Krieg“ oder „Kalten Krieg“? Bin ich bereit mir den Frieden etwas kosten zu lassen?
Darüber hat Jesus schon im Evangelium vom letzten Sonntag gesprochen. Er sagt, dass wir alles Mögliche tun sollen, um die Kluft, die zwischen uns und anderen entstanden ist, wieder zu überbrücken: Zuerst im privaten Gespräch, dann mit zwei oder zwei anderen dazu und, wenn das auch nicht hilft , die Sache sogar vor der Gemeinde bringen. Wir sollen uns also viel Mühe geben, wieder Frieden zu stiften. Heute bringt Jesus dieses für einen Christen lebenswichtige Anliegen noch einmal, durch eine andere Erzählung, zur Sprache.
Petrus macht einen großzügigen Vorschlag: Bis zu 7-mal verzeihen! Jesus sagt aber, bewusst überspitzt: Siebzig mal siebenmal, d.h. 490-mal? Also immer. Ich nehme an, dass Petrus dabei einmal geschluckt hat. Soll ich mich beim Verzeihen zum Narren machen lassen? Werde ich da nicht ausgenutzt? Die Reue des Schuldigen ist natürlich Voraussetzung - denn wenn es ihm nicht leid tut, nützt das Verzeihen auch nichts.
Es geht Jesus nicht um ein passives Hinnehmen und Einstecken von Unrecht. „Verzeihen“ heißt nicht, die Schuld des anderen verharmlosen, sondern Schuld und Fehler nicht aufrechnen und durch Verzicht auf Genugtuung dem anderen, der Reue zeigt, die Chance eines Neubeginns zu geben. Jeder hat das Recht auf eine neue Chance. „So macht es Gott mit einem jeden von uns“, meint Jesus. Und das illustriert er mit einem Beispiel.
Der Angestellte, der Rechenschaft geben muss, schuldet seinem Chef eine unvorstellbar große Summe, umgerechnet geht es hier um Milliarden Euro. Die kann er doch nie zurückbezahlen! Diese Riesenschuld wird dem Angestellten nun einfach erlassen. - Es ist unwahrscheinlich, dass irgendwer so eine große Schuld einfach erlässt. Aber Gott tut das, egal wie groß unsere Schuld ihm gegenüber ist.
Was nun der Kollege dieses Angestellten ihm schuldig ist, ist dagegen eine Lappalie: einige hundert Euro. Dieser Schuld-Vergleich illustriert, wie unbarmherzig und hartherzig der erste Angestellte seinem Kollegen gegenüber ist. Aber wenn Gott schon dir gegenüber so großzügig ist, hast du dann nicht allen Grund auch deinen Mitmenschen so zu behandeln?
Schon im Alten Testament heißt es (wir haben es in der ersten Lesung gehört): „Wenn du kein Erbarmen hast mit einem anderen Menschen, einem Sünder, wie du selbst es bist, wie kannst du dann Gott um Vergebung deiner Schuld bitten?“ Jedes Mal bitten wir im Vater Unser: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern!“ - „Seid also barmherzig, wie Gott, euer Vater, barmherzig ist“, will Jesus sagen.
Oft sagen wir: Verzeihen kann ich schon, aber vergessen kann ich nicht. Verzeihen, vergeben, heißt aber nicht vergessen. Es ist gut, nicht zu vergessen, damit wir aus den negativen Erfahrungen lernen.
Verzeihen ist mehr als sagen: „Ich verzeihe dir.“ Das ist nur der erste Schritt. Mein Verzeihen wird erst konkret, ich stelle es unter Beweis, es wird glaubwürdig, wenn ich nicht nachtragend bin, wenn ich darauf verzichte, dem anderen immer wieder meine Wunde zu zeigen, dem anderen seinen Fehler, sein Vergehen immer wieder vorzuwerfen. Ich verzeihe, indem ich zu diesem mir gegenüber schuldig gewordenen Menschen wieder ein ganz normales Verhältnis aufbaue, in Freundschaft und Wohlwollen. Wer das nicht kann, also nicht verzeihen kann, läuft Gefahr zu verbittern, macht ein friedvolles Zusammenleben unmöglich. Da beginnt der Krieg im Kleinen.
Was Jesus da von uns erwartet, hat er selbst vorgelebt, als er - in tiefsten Schmerzen - für seine Peiniger betet: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“